Mittwoch, 2. September 2015

Meine Blogs sind assimiliert

Es gab einmal mehrere Blogs. Sie trugen unterschiedliche Namen, hatten eigene Stimmungen, eigene Themen und vielleicht auch jeweils ihren ganz persönlichen Ton. Der damals sicher stärkste und bekannteste davon war „Narziss und Goldhund“. Andere entstanden aus bestimmten Lebensphasen, Interessen, Gedanken oder Situationen heraus. Manche Texte waren spontan, manche ausführlicher, manche persönlich, manche eher beobachtend. Jeder dieser Blogs war ein eigener kleiner Ort im Internet – mit eigener Adresse, eigener Geschichte und einer eigenen Vorstellung davon, was dort gesagt werden sollte. Doch das Internet vergisst zwar vieles, aber es bewahrt auch erstaunlich viel auf. Gedanken verschwinden nicht unbedingt, nur weil eine Blogadresse nicht mehr gepflegt wird. Texte bleiben bestehen, manchmal jahrelang, manchmal beinahe unbeachtet, bis sie irgendwann wiederentdeckt werden. Ein alter Beitrag kann plötzlich in einem neuen Zusammenhang interessant werden. Ein Satz, den man vor vielen Jahren geschrieben hat, bekommt eine andere Bedeutung, wenn man ihn aus heutiger Perspektive liest.

Irgendwann stellte sich deshalb die Frage, was mit all diesen alten Texten geschehen sollte. Sie einfach verschwinden zu lassen, fühlte sich nicht richtig an. Dafür waren es zu viele Gedanken, Beobachtungen, Geschichten, Kommentare und sprachliche Momentaufnahmen. Also wurden die verschiedenen Blogs zusammengeführt. Die alten Namen, Themen und Textwelten wurden nicht ausgelöscht, sondern in eine größere gemeinsame Sammlung aufgenommen.
Meine früheren Blogs sind damit assimiliert. Sie haben ihre Eigenständigkeit aufgegeben, sind aber nicht wirklich verschwunden. Ihre Texte leben weiter – nun an einem gemeinsamen Ort, unter einer gemeinsamen Adresse:
modreher.wordpress.com

Dieser Ort trägt den Titel „Worte, situationsbedingt“.
Der Name ist bewusst offen gehalten. Denn Worte entstehen selten völlig unabhängig von dem, was gerade geschieht. Sie sind abhängig von der jeweiligen Situation, von Erlebnissen, Begegnungen, Stimmungen und Fragen. Manche Texte entstehen aus einem konkreten Anlass heraus, andere aus einer längeren Entwicklung. Einige sind Reaktionen auf die Welt, andere Versuche, die eigene Welt zu verstehen.
„Worte, situationsbedingt“ ist deshalb kein streng abgegrenztes Themenblog. Es ist eher ein Sammelpunkt für unterschiedliche Formen des Schreibens: persönliche Betrachtungen, Erinnerungen, Reiseeindrücke, Beobachtungen des Alltags, gesellschaftliche Gedanken, literarische Versuche, mediale Fundstücke und gelegentliche Abschweifungen in die Bereiche Musik, Film, Technik oder Geschichte.
Was früher auf mehrere Blogs verteilt war, findet sich nun unter einem Dach. Die Texte aus den verschiedenen Zeiten stehen dabei nicht zwangsläufig in einer geraden chronologischen Ordnung. Sie bilden eher ein Archiv: eine Sammlung von Stimmen, Perspektiven und Momentaufnahmen. Manche Beiträge gehören deutlich in ihre Zeit. Andere wirken überraschend aktuell. Wieder andere zeigen, wie sich bestimmte Gedanken, Themen oder sprachliche Muster über die Jahre verändert haben.
Das Zusammenführen der Blogs ist damit auch eine Art persönliches Archivprojekt geworden. Es geht nicht nur darum, alte Beiträge technisch zu übertragen oder unter einer neuen Adresse abzulegen. Es geht darum, verstreute Teile der eigenen schriftstellerischen Vergangenheit wieder sichtbar zu machen. Aus einzelnen Inseln ist ein zusammenhängendes Archipel geworden – vielleicht sogar ein Kontinent, dessen Grenzen noch nicht endgültig feststehen.
Auch „Narziss und Goldhund“ ist in diesem größeren Zusammenhang weiterhin präsent. Der frühere Blogname gehört zu seiner eigenen Geschichte, aber die dort entstandenen Texte müssen nicht in der Vergangenheit eingeschlossen bleiben. Sie können in neue Zusammenhänge eintreten, neben jüngeren Beiträgen stehen und von Leserinnen und Lesern wiedergefunden werden, die den ursprünglichen Blog nie kannten. So ist aus vielen Blogs einer geworden, ohne dass die Herkunft der Texte vollständig verloren gehen muss.
Die alten Blognamen bleiben Wegmarken. Sie erinnern daran, dass Schreiben immer auch aus Veränderungen besteht. Ein Blog beginnt häufig mit einer bestimmten Idee, entwickelt sich weiter, verliert vielleicht irgendwann seine ursprüngliche Richtung und geht schließlich in etwas Neues über. Das ist kein Scheitern, sondern ein natürlicher Vorgang. Texte wachsen aus ihren Anlässen heraus und wandern manchmal weiter, als ihre ursprünglichen Plattformen bestehen bleiben.
Heute sind diese alten Texte unter modreher.wordpress.com versammelt. Dort können sie erneut gelesen, miteinander verknüpft und in einen neuen Zusammenhang gestellt werden. Wer einen Beitrag findet, kann von dort aus zu anderen Texten weitergehen – zu älteren, neueren, verwandten oder völlig anders gearteten Gedanken.
Die Blogs wurden also nicht einfach beendet. Sie wurden aufgenommen, zusammengeführt und in eine neue Ordnung gebracht. Sie wurden – um es etwas feierlich und zugleich augenzwinkernd zu sagen – dem großen Ganzen einverleibt.

Meine Blogs sind assimiliert

Es gab einmal mehrere Blogs. Sie trugen unterschiedliche Namen, hatten eigene Stimmungen, eigene Themen und vielleicht auch jeweils ihren ...